Terrassierte Steinhänge auf dem Plateau des Tur Abdin

Seit Jahrhunderten nennen die Syrer die Kalksteinhügel rund um Midyat Tur Abdin. Der Name bedeutet „Berg der Knechte Gottes“, und gegeben haben ihn der Gegend die Mönche, die sich auf diesen Hügeln niederließen. Heute stehen auf diesem Plateau mit rund achtzig Dörfern fast siebzig Klosterbauten und unzählige Dorfkirchen. In manchen wird noch jeden Tag die Liturgie gefeiert, von anderen stehen nur noch die Mauern. In diesem Beitrag stellen wir die Klöster und Kirchen, die Sie von Midyat aus leicht erreichen, einzeln vor: mit ihrer Geschichte, ihrer Architektur und ihrer Entfernung von Midyat.

UNESCO-Tentativliste
2021
Dörfer
Rund 80
Älteste Bauten
6. Jahrhundert
Entfernung von Midyat
10 bis 72 km

Wo liegt der Tur Abdin?

Der Tur Abdin ist ein Plateau, das im Norden und Osten vom Tigris, im Süden von den zur mesopotamischen Ebene abfallenden Hängen und im Westen von den Bergen um Mardin begrenzt wird. Midyat ist sein Zentrum; auch die Dörfer rund um Nusaybin, Savur, İdil und Hasankeyf zählen zum Tur Abdin. Das Christentum reicht hier mindestens bis ins 4. Jahrhundert zurück. Syrischen Quellen zufolge ließen sich in dieser Zeit Mönche aus den Ebenen Mesopotamiens in den Hügeln nieder, lebten in Höhlen und kleinen Zellen, und mit der Zeit entstanden um diese Zellen Klöster.

Die Menschen der Region gehören zur Syrisch-Orthodoxen Kirche. In der Liturgie wird bis heute Syrisch verwendet, in den Dörfern spricht man Turoyo, einen lebendigen Dialekt des Aramäischen. Über Jahrhunderte waren die Klöster zugleich Gotteshäuser und Schulen. Hier schrieben Mönche Handschriften ab, lehrten Schüler das Lesen und Schreiben des Syrischen und bildeten die Geistlichen der Dörfer aus.

Der Tur Abdin auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes

2021 nahm die Türkei die Region unter dem Namen „Late Antique and Medieval Churches and Monasteries of Midyat and Surrounding Area (Tur ʿAbdin)“ in die Tentativliste des UNESCO-Welterbes auf. Die Liste umfasst fünf Klöster und vier Kirchen. Die Klöster sind Deyrulzafaran (Mor Hananyo), Mor Gabriel, Mor Abay, Mor Loozor und Mor Yakup; die Kirchen sind Mor Sobo und die Marienkirche in Anıtlı, Mor Kuryakos in Bağlarbaşı und Mor Azozoel in Altıntaş.

Laut dem UNESCO-Dossier sind die Klöster des Tur Abdin aus dem 6. Jahrhundert rund vier Jahrhunderte älter als die Klöster des Berges Athos in Griechenland. Das Dossier nennt außerdem die Gebetsplätze unter freiem Himmel in den Höfen. Diese auf Syrisch beth slutho genannten Anlagen gibt es nirgendwo sonst.

Die Architektur der Kirchen des Tur Abdin

Zu den Ersten, die diese Bauten ausführlich dokumentierten, gehörte die britische Archäologin Gertrude Bell, die 1909 durch die Region reiste. Bell teilte die Kirchen nach ihrem Grundriss in Klosterkirchen und Dorfkirchen ein. In den Klosterkirchen liegt das Schiff quer, es ist also breiter als tief. Die Hauptkirche von Mor Gabriel ist das bekannteste Beispiel dieses Typs. Dorfkirchen sind meist kleinere, schlichtere Bauten mit einem Hof.

Fast alle sind aus dem gelben Kalkstein der Gegend gebaut. Die Mauern sind dick, die Fenster klein; so bleibt es innen im Sommer kühl und im Winter warm. Kuppeln und Gewölbe sind aus Stein gemauert. Die Steinmetzarbeiten an Türen und Fenstern sind viel ältere Beispiele derselben Handwerkskunst, die Sie an den Steinhäusern von Midyat sehen. Der beth slutho im Hof besteht aus einer nach Osten gerichteten Wand mit einer Nische und einem offenen Platz davor. In den Sommermonaten fanden die Gottesdienste hier statt, unter freiem Himmel.

Kloster Mor Gabriel (Deyrulumur, Qartmin)

Rund 23 Kilometer von Midyat entfernt liegt Mor Gabriel, das bekannteste Kloster des Tur Abdin. Es wurde im Jahr 397 von Mor Schmuel und seinem Schüler Mor Schemun gegründet und gilt als ältestes noch bestehendes syrisch-orthodoxes Kloster der Welt. In älteren Quellen heißt es Kloster Qartmin, im Volksmund auch Deyrulumur. Seine Hauptkirche aus dem Jahr 512 mit ihren Mosaiken und ihrer Kuppel gehört zu den wichtigsten Bauten der Region. Heute ist das Kloster Sitz des Metropoliten des Tur Abdin; hier leben Mönche, Nonnen und Schüler. Geschichte und Besucherinformationen finden Sie ausführlich in unserem Beitrag über das Kloster Mor Gabriel.

Kloster Mor Yakup (Mor Jakob, Salah, Barıştepe)

Das Dorf Barıştepe, 11 Kilometer von Midyat entfernt, heißt auf Syrisch Salah. Sein Kloster ist einem Mönch geweiht, der als Mor Jakob Hbischo, „der Eingeschlossene“, in Erinnerung blieb und vermutlich 421 starb. In der syrischen Lebensbeschreibung erscheint das Dorf als Schilloh. Man nimmt an, dass das Kloster im 5. Jahrhundert gegründet wurde; die heutige Kirche entstand im 6. Jahrhundert und wurde im 8. erneuert.

Im Kloster wurde auch Daniel von Salah ausgebildet, ein Autor des 6. Jahrhunderts, bekannt für seinen Kommentar zu den Psalmen. Seit dem späten 13. Jahrhundert war es Bischofssitz. 1720 wurde es verlassen und 1851 wieder in Besitz genommen. Heute ist es mit Hof, Gästehaus und Kirche ein gepflegtes Kloster, das wieder genutzt wird.

Kloster Mor Loozor (Mor Lazarus, Habsenas, Mercimekli)

Das Dorf Mercimekli, 10 Kilometer von Midyat entfernt, heißt auf Syrisch Habsenas. Etwa 300 Meter außerhalb des Dorfes steht das Kloster Mor Loozor, geweiht Mor Lazarus, einem Bischof von Harran im 4. Jahrhundert. Vermutlich wurde das Kloster Anfang des 8. Jahrhunderts von Mor Schemun d’Zayte neu gegründet.

Im Hof steht ein etwa 7 Meter hoher Steinturm. Er ist ein Klausnerturm, in dem ein Mönch jahrelang betend lebte, ohne ihn zu verlassen; ein Kanal leitete Wasser hinein. Diese Tradition ist im Tur Abdin noch für das 8. Jahrhundert belegt, und dieser Turm ist das letzte erhaltene Beispiel der Region. Die Mauern des quadratischen Klosters sind 3 Meter dick. Der 1866 reparierte Bau ist heute verlassen und bedarf der Pflege.

Kirche Mor Kuryakos (Mor Quryaqos, Arnas, Bağlarbaşı)

Das Dorf Bağlarbaşı, 14 Kilometer von Midyat entfernt und auf Syrisch Arnas genannt, besitzt eine der am besten erhaltenen Dorfkirchen der Region. Die Kirche Mor Kuryakos entstand vermutlich im späten 7. Jahrhundert. Eine Inschrift auf der steinernen Schranke vor dem Altarraum zeigt, dass sie spätestens 761 stand. Ihre Nordwand und der größte Teil ihres Gewölbes wurden 1591 und 1592 neu errichtet.

Kirche Mor Azozoel (Mor Izozoel, Kfarze, Altıntaş)

Altıntaş, 21 Kilometer von Midyat entfernt und auf Syrisch Kfarze (Keferze) genannt, ist ein Dorf mit mehreren alten Kirchen. Die bedeutendste ist die Kirche Mor Azozoel. Sie wurde vermutlich im späten 7. Jahrhundert gebaut. Eine Inschrift am beth slutho ihres Hofes belegt, dass sie spätestens 934 bestand. Ein Vermerk aus dem Jahr 1592 schreibt den Bau dem byzantinischen Kaiser Anastasios I. zu, doch der Historiker Andrew Palmer, bekannt für seine umfangreichen Arbeiten zum Tur Abdin, hält diesen Vermerk für eine spätere Erfindung.

Die Kirche wurde 1416 und 1855 beschädigt, ihr Gewölbe 1936 repariert. Neben Mor Azozoel gibt es im Dorf auch die Kirchen der Gottesmutter, Mor Yuhanon und Mor Abrohom.

Anıtlı (Hah): die Marienkirche und die Kirche Mor Sobo

Der alte Name des Dorfes Anıtlı, 30 Kilometer von Midyat entfernt, ist Hah. Der türkische Name bedeutet „mit Denkmälern“ und klingt fast wie ein Hinweis auf seine alten Bauten. Hah gilt als erster Bischofssitz des Tur Abdin; Anfang des 7. Jahrhunderts ging diese Rolle an Qartmin über, das heutige Kloster Mor Gabriel.

Eine Nonne und ein Dorfbewohner vor der Steinmauer der Marienkirche in Hah, 1909
Eine Nonne und ein Dorfbewohner vor der Marienkirche in Hah, 23. Mai 1909. Foto: Gertrude Bell, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Die Marienkirche, auf Syrisch Yoldath Aloho (Gottesgebärerin), ist eine der ältesten und schönsten Kirchen des Tur Abdin. Mit ihrer Kuppel, ihrem Schmuck, der von außen wie eine zweistufige Krone wirkt, und ihren Bögen gehört sie zu den meistfotografierten Bauten der Region. Gertrude Bell gehörte 1909 zu den ersten Forschenden, die sie fotografierten. Einer im Dorf erzählten Legende nach wurde die Kirche von den Weisen aus dem Morgenland erbaut.

Die Kirche Mor Sobo ist ein großer Bau, der bis ins 5. Jahrhundert zurückreichen könnte und später Bischofskirche des Dorfes wurde. Heute ist sie eine Ruine. Inschriften am Gebetsplatz ihres Hofes zeigen, dass hier zwischen 1135 und 1295 Geistliche bestattet wurden. Das Kreuzkloster außerhalb des Dorfes war von 1089 bis 1873 Bischofssitz.

Kloster Mor Abay (Mor Abai, Qelleth, Dereiçi)

Dereiçi, 45 Kilometer von Midyat entfernt, ist ein Dorf im Landkreis Savur mit dem syrischen Namen Qelleth. Den Quellen zufolge wurde das Kloster Mor Abay nahe dem Dorf im Jahr 370 oder im 6. Jahrhundert gegründet. Heute ist es eine Ruine; an seinen Mauern sieht man Inschriften aus der Zeit der Artuqiden, die im 12. Jahrhundert über die Region herrschten. Die Kirche Mor Yuhanon im Dorf aus dem 8. Jahrhundert wurde 2006 restauriert. Qelleth war bis 1730 Bischofssitz.

Kloster Deyrulzafaran (Mor Hananyo, das Safrankloster)

Deyrulzafaran liegt etwa 3 Kilometer östlich von Mardin, 72 Kilometer von Midyat entfernt, und damit auf dem Weg aller, die beide Städte besuchen. Der Überlieferung nach wurde das Kloster auf einem alten Tempel errichtet, in dem die Sonne verehrt wurde; der Raum mit der Steindecke im Untergeschoss wird bis heute als Rest dieses Tempels gezeigt. Zunächst war das Kloster Mor Schlemun geweiht. 793 wurde es von Mor Hananyo, dem Bischof von Mardin, wiederhergestellt und fortan nach ihm benannt.

Von 1166 bis 1932 war Deyrulzafaran Sitz des Syrisch-Orthodoxen Patriarchats. 1932 zog das Patriarchat zunächst nach Homs und dann nach Damaskus. Im Kloster sind dreiundfünfzig Patriarchen und Metropoliten bestattet. Den Namen „Safrankloster“ trägt es seit dem 15. Jahrhundert. Eine volkstümliche Erzählung führt die gelbe Farbe seiner Mauern auf Safran im Mörtel zurück. Im Kloster stehen die Kuppelkirche und die Marienkirche. Deyrulzafaran ist bis heute ein lebendiges Kloster und Sitz des Metropoliten von Mardin.

Wohin an welchem Tag? Eine Route ab Midyat

All diese Klöster und Kirchen an einem einzigen Tag zu sehen, ist nicht möglich; um sie ohne Eile zu besuchen, empfehlen wir zwei Tage.

Erster Tag: Fahren Sie morgens von Midyat zu Mor Loozor in Mercimekli (10 km), dann zu Mor Yakup in Barıştepe (11 km) und Mor Kuryakos in Bağlarbaşı (14 km). Am Nachmittag geht es weiter zum Kloster Mor Gabriel (23 km), und der Tag endet in Altıntaş (21 km).

Zweiter Tag: Morgens können Sie die Marienkirche und Mor Sobo in Anıtlı (30 km) besuchen und nachmittags nach Dereiçi (45 km) weiterfahren. Deyrulzafaran besuchen Sie am besten auf dem Weg nach Mardin oder auf dem Rückweg. Weitere Ziele in Midyat finden Sie in unserem Beitrag über die Sehenswürdigkeiten in Midyat.

Was Sie vor dem Besuch wissen sollten

Mor Gabriel und Deyrulzafaran empfangen regelmäßig Besucher; da sich die Besuchszeiten je nach Jahreszeit und kirchlichen Feiertagen ändern können, empfehlen wir, sie vor der Abfahrt zu prüfen. Die Türen der Dorfkirchen sind oft verschlossen. Den Schlüssel hat meist eine Familie im Dorf; es genügt in der Regel, jemanden auf dem Dorfplatz zu fragen.

In den meisten dieser Klöster und Kirchen wird bis heute gebetet. Kleidung, die Schultern und Knie bedeckt, Stille während der Gottesdienste und die Frage um Erlaubnis, bevor man Priester und Dorfbewohner fotografiert, sind selbstverständlicher Respekt. In Ruinen nicht auf die Mauern zu klettern und die Steine nicht zu berühren, hilft, dieses Erbe für kommende Generationen zu bewahren. Manche Dorfstraßen sind schmal und kurvig; Vorsicht vor allem im Winter und bei Regen.

Quellen: „Late Antique and Medieval Churches and Monasteries of Midyat and Surrounding Area (Tur ʿAbdin)“, UNESCO-Welterbe-Tentativliste, 2021; Gertrude Bell, The Churches and Monasteries of the Tur Abdin; Andrew Palmer, Monk and Mason on the Tigris Frontier; Wikipedia-Artikel zu Tur Abdin, Mor Loʿozor Monastery, Anıtlı, Barıştepe, Bağlarbaşı, Altıntaş, Dereiçi und Mor Hananyo Monastery. Entfernungen auf Grundlage von OpenStreetMap-Daten berechnet.