
Wer an den kleinen Werkstätten im Basar von Midyat vorbeigeht, hört ein leises Klopfen. Drinnen beugt sich ein Meister über die Werkbank, biegt haarfeine Silberdrähte mit einem pinzettenartigen Werkzeug einen nach dem anderen und setzt sie an ihren Platz. Aus der Ferne sieht das Ergebnis aus wie Spitze, aus der Nähe wie ein kleines Bauwerk: Telkari, Silberfiligran.
- Herkunft
- Mesopotamien
- Material
- Silberdraht
- Lehrzeit
- Mindestens 5–6 Jahre
- Museum
- 2023, Midyat
Spitze aus Draht
Wie schon der Name sagt, ist Telkari „Drahtarbeit“. Geschmolzenes Silber wird zunächst zu feinen Drähten gezogen, die dann gebogen, gedreht und zu einem Muster gerollt werden. Leicht und doch fest, von allen Seiten lichtdurchlässig und ohne sichtbare Lötstellen: Diese Technik ist in vielen Teilen der Welt bekannt, hat in Midyat aber eine ganz eigene Identität gewonnen.
Ihre Wurzeln reichen bis zur Metallkunst zurück, die vor Jahrtausenden in Mesopotamien begann. Als sich das Handwerk in Anatolien verbreitete, wurde Mardin zu einem seiner wichtigsten Zentren – und innerhalb Mardins Midyat. Heute steht „Telkari aus Midyat“ für Muster, die es nur in dieser Gegend gibt, und für ein über Jahrhunderte weitergegebenes Können.
Die Kunst der syrisch-orthodoxen Meister
Lange Zeit lebte das Telkari in Midyat in den Händen syrisch-orthodoxer Meister. Studien zufolge wurde es bis in die 1960er-Jahre in und um Midyat fast ausschließlich von Suryoye ausgeübt. Danach kamen auch muslimische Handwerker hinzu, die bei den Suryoye-Meistern gelernt hatten, und Telkari wurde zu einem gemeinsamen Handwerk der verschiedenen Gemeinschaften Midyats.
Traditionell wird das Können vom Vater an den Sohn oder vom Meister an den Lehrling weitergegeben. Es dauert mindestens fünf bis sechs Jahre, bis ein Lehrling eigenständig Telkari herstellen kann. In den letzten Jahren hat die Tradition ein neues Gesicht bekommen: In Midyat werden inzwischen auch Frauen zu Meisterinnen ausgebildet und arbeiten in den Werkstätten.
Ein Telkari-Meister wird in fünf oder sechs Jahren ausgebildet – ein Muster manchmal in einem ganzen Leben.
Wie entsteht Telkari?
Telkari verlangt Geduld und entsteht in aufeinanderfolgenden Schritten:
Schmelzen und Drahtziehen. Das Silber wird geschmolzen, gegossen und immer wieder durch eine Ziehmaschine geführt, bis Draht in der gewünschten Feinheit entsteht.
Drehen. Die feinen Drähte werden paarweise miteinander verdreht; so entsteht ein zartes Geflecht, das dem Muster seine Struktur gibt.
Das Gerüst. Aus dickerem Draht wird der Umriss des Stücks geformt, sein Gerüst. Ein Blatt, ein Vogel oder ein geometrisches Motiv erscheint zuerst als dieser Rahmen.
Füllen. Das Innere des Rahmens wird Stück für Stück mit gerollten feinen Drähten gefüllt – mit einem feinspitzigen, pinzettenartigen Werkzeug, das die Meister Çift nennen. In diesem Schritt zeigt sich die eigentliche Meisterschaft.
Löten, Reinigen und Polieren. Die Teile werden mit Hitze verbunden, Überschüsse entfernt und das Silber zu seinem endgültigen Glanz poliert.
Midyat hasırı
Zu den bekanntesten Arbeiten aus Midyat gehört auch das Geflecht, das als „Midyat hasırı“ (Midyat-Mattengeflecht) bekannt ist. Dabei wird feiner Silberdraht so dicht und biegsam wie eine Strohmatte geflochten; die Technik wird vor allem für Armbänder und Halsketten verwendet. Die weiche Struktur dieses Geflechts gilt zusammen mit den offenen, spitzenartigen Mustern des Telkari als Handschrift der Silberkunst von Midyat.
Basar und Museum
Am besten lernt man Telkari in Midyat kennen, wenn man durch den Basar der Silberschmiede schlendert und den Meistern bei der Arbeit zusieht. Viele von ihnen beantworten gern die Fragen ihrer Besucher.
Das von der Stadtverwaltung Midyat am 10. Dezember 2023 eröffnete Telkari-Museum ist der beste Ort, um diese Kunst gesammelt zu sehen. Es liegt im historischen Basarviertel des Stadtteils Akçakaya und wird als einziges Museum der Türkei vorgestellt, das dem Telkari gewidmet ist. Gezeigt werden historische Stücke; in einer Werkstatt lässt sich die Herstellung aus nächster Nähe verfolgen.
So wie der Stein von Midyat in den Händen seiner Meister zu Spitze wird, wird sein Silber mit derselben Geduld zu Draht und der Draht zu einem Muster. Beides entspringt derselben Tradition: dem Respekt vor dem Material und einem Können, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Quellen: „Midyat Telkâri Ustaları“ (Forschungsartikel); Mardin Telkari Müzesi, Küre-Enzyklopädie; Mardin Telkari Sanatı, Edebiyat ve Sanat Akademisi; Midyat, Wikipedia.


